Hundherum Hund und hundherum glücklich?!

 In Hundetraining

Was macht einen glücklichen Hund eigentlich aus? Ist Glück für jeden Hund gleich definiert? Möchte Fiffi, der Chihuahua, wirklich das Gleiche wie Benno, der Schäferhund, um glücklich und zufrieden zu sein? Und können wir als Hundehalter überhaupt etwas zur Zufriedenheit des Hundes beisteuern? Und was ist Zufriedenheit eigentlich?

Schauen wir uns einmal die Definition von Zufriedenheit an:

„a) innerlich ausgeglichen zu sein und nichts anderes zu verlangen, als man hat;

 b) mit den gegebenen Verhältnissen, Leistungen oder ähnlichem einverstanden zu sein, nichts auszusetzen zu haben.“ 1

Die Definition können wir meiner Meinung nach vom Menschen direkt auf den Hund übertragen. Und so wie unter uns Menschen auch, ist das Empfinden und Erreichen von Zufriedenheit SUBJEKTIV: d.h. persönlich, vom entsprechenden Individuum abhängig.

Zufriedenheit ist die Abwesenheit von Unzufriedenheit. Das gilt für jedes Individuum, egal ob Hund oder Mensch.

Diane Garrod (Tellington TTouch® Practitioner, Verhaltensberaterin und Hundetrainerin/Inhaberin von Canine Transformations in Washington State, USA) hat viele Jahre persönliche Recherchen in über 350 Fällen rund um das Thema Stress beim Hund durchgeführt.  Welche Auswirkungen hat Stress auf Hunde, wie kann Stress gemildert und der Hund entstresst werden?

Was sie dabei herausfand ist, dass alles was entstresst auch gleichzeitig der Schlüssel zu einem „idealen Hundetag“ und damit zu einem zufriedenen Hund ist.2

„Basierend auf diesen Recherchen, könnten die Schlüsselelemente eines idealen Hundetages wie folgt unterteilt werden: Entspannung/Schlaf umfasst 50 %, 20 % für sensorische Aktivitäten und Spiel, 20 % für Enrichment/Bereicherung und Problemlösung und 10 % für physische Stimulation und Bewegung.“

Besonders spannend finde ich, dass physische Stimulation/Bewegung im Durchschnitt nur 10 % umfasst. So hört man doch ganz häufig aus jeder Richtung, dass der Hund so richtig körperlich ausgelastet werden muss; dass er stundenlang weiter dem Bällchen hinterherlaufen könnte und das der Stundenplan des Hundes vollgespickt ist mit körperlichen Aktivitäten von Agility über Flyball über Fahrradfahren.

Doch mittlerweile weiß man längst, dass körperliche Auslastung alleine nicht der einzige Schlüssel zum zufriedenen Hund darstellt. Ja, manchmal sogar genau das Gegenteil. Überforderung und fehlende Ruhe sind häufig Auslöser/Ursachen für einen unzufriedenen Hund, der gestresst scheint und die Balance im Alltag verloren hat.

Neben der Entspannung und dem Schlaf, welche durchschnittlich 50 % des Tages ausmachen, sind für das emotionale Wohlbefinden des Hundes vor allem sensorische Aktivitäten, Spiele, Enrichment sowie Problemlösungen wichtig: mentale Auslastung, die Aktivierung des Gehirns, trägt ungemein zum Wohlbefinden des Hundes bei und beeinflusst sein Verhalten.2

Für die mentale Auslastung des Hundes können wir uns an einem unermesslich großen Potpourri an Möglichkeiten bedienen. Diese sollten natürlich angepasst sein an den individuellen Hund, seinen Vorlieben, Rasse (ursprüngliche Verwendungszweck?), Alter sowie gesundheitlichem Zustand.

All-in-One-Schnüffelkiste: Kauen, Schlecken, Zerreißen, Suchen

Sensorische Aktivitäten beinhalten u.a. die Nahrungssuche, diverse Suchspiele (Futter, Spielzeug, Objekte), Intelligenzspielzeuge, Aromatherapien, Massagen, aber auch das „Hund-sein-dürfen“ auf Spaziergängen: einfach mal schnüffeln und entdecken, keine vorbestimmten Richtungen, kein Gezerre an der Leine, kein strammes bei Fuß gehen durch die überfüllte Stadt. Die Spielzeug-Box öffnen und den Hund einmal selbst aussuchen lassen, mit welchem Spielzeug er gerne spielen möchte.2 Hundherum Hund sein dürfen.

Ebenfalls zur Sensorik gehört aber auch das Schmecken. Persönlich finde ich es überaus bereichernd für den Hund, nicht Tag ein Tag aus das gleiche schnöde Trockenfutter zu bekommen, sondern Abwechslung in den Menüplan zu bringen (gegeben der Hund verträgt unterschiedliche Futterbestandteile gut). Ab und an gibt es bei uns für die Hunde ein besonderes geschmackliches Highlight, welches es nicht täglich gibt. Fast täglich aber schaue ich, dass ich Futter mit unterschiedlichem Geschmack und mit unterschiedlicher Konsistenz auf den Speiseplan packe.

Enrichment, die Bereicherung der Umwelt des Tieres, die Förderung und damit Auslebung natürlicher Verhaltensweisen.

Problenlösungen – „es verlangt vom Hund ein Problem zu durchdenken, sich zu beschäftigen mit Suchen, Verbindungen/Zusammenhänge, Entscheidungen treffen und Hinweisen zu folgen.“2  Umgesetzt werden kann dies z.B. beim Konzeptlernen, wo Hunde z.B. lernen Farben und Formen zu unterscheiden.

Die richtige Kombination, angepasst auf den individuellen Hund, macht den idealen Hundetag aus.

Bei uns sieht das zum Beispiel ungefähr so aus:

Frühstück/Nahrungsaufnahme (Napf); Spaziergang ca. 30 Minuten inklusive vieeeel Schnuppern, Rennen und Beschäftigung unterschiedlicher Art (z.B. Futtersuche, Hetzen nach Futter); Kauartikel zum Herunterfahren; anschließend Entspannung/Schlaf; dann gibt es Enrichment unterschiedlicher Art (z.B. Futterspielzeug und -suche wo von Schlecken, Riechen, Kauen, Zerreißen bis hin zum Einsatz der Pfoten alles dabei ist); anschließend wieder Entspannung/Schlaf; Spiel (ich zusammen mit den Hunden, entweder im Garten oder im Haus); anschließend Entspannung/Herumliegen und dann fängt der Kreis wieder von vorne an, bis sich der Tag dem Ende neigt (ca. 19-20 Uhr).

Schäferhund Leo liebt die Freiheit zu Rennen und verschiedene Untergründe zu erkunden

Dies variiert natürlich jeden Tag etwas, aber das Grundprinzip der Abwechslung zwischen Schlaf/Entspannung, mentaler Auslastung, Schlaf/Entspannung und körperlicher Auslastung/Stimulation, die sich in einem Kreislauf wiederholen,  kombiniert mit der richtigen Ernährung, bleibt bestehen. Wo viele nun sagen, dass 2 Spaziergänge (ja manchmal gibt es sogar nur einen oder keinen bei uns!) zu wenig sind, so finde ich kommt es eher auf die Qualität der Spaziergänge an. Ob ein Hund 30 Minuten an der kurzen Leine durchs Dorf läuft, wenig schnuppern darf, nichts frei entscheiden kann oder aber ob der Hund 30 Minuten frei/alternativ an der langen Leine läuft, von Anfang an schnuppern und markieren kann und einfach das tun kann, was er als Hund halt auf so einem Spaziergang gerne tun möchte. DAS macht einen großen Unterschied. 30 Minuten sind nicht gleich 30 Minuten. Einfach nur körperliche Bewegung oder körperliche Bewegung gepaart mit Enrichment, sensorischen Aktivitäten und Spiel.

Woran merke ich nun, ob dieser Tagesablauf meinen Hunden Zufriedenheit bringt? Schauen wir uns noch einmal die Definition von Zufriedenheit an: “innerlich ausgeglichen zu sein und nichts anderes zu verlangen als das, was man hat”. Genau dieses “verlangen nach etwas anderem” lässt mich erkennen, wenn der Tag mal nicht so ideal für den Hund war. Wenn ich mich gegen 19/20 Uhr z.B. aufs Sofa bequeme und die Hunde sich nicht ruhend und dann schlafend dazulegen (oder aber auch tagsüber nicht herunterfahren in den Entspannungszyklen), so weiß ich, dass irgendetwas nicht ideal lief. Entweder gab es zu viel von etwas und/oder zu wenig von etwas (anderem). Wenn man seine Hunde beobachtet und sich bewusst über dessen Bedürfnisse ist, so kann man sehr gut feststellen, wie Zufriedenheit für den eigenen Hund aussieht.

 

Wenn wir nun ein Stück weiter gehen auf der Suche nach dem Hundherum glücklichen Hund und uns nicht “nur” den idealen Tag anschauen, so kommen wir meiner Meinung nach auch nicht am Thema „Empowerment/Selbstwirksamkeit“ vorbei. (Ausführlicher Artikel hier: https://terrificpaws.de/empowerment-training)

Definition nach James O’Heare:

Der Prozess, bei dem Individuen Verhaltensmuster erlangen, welche effektiv und effizient Verstärker berühren und aversive Konsequenzen vermeiden oder dazu führen, ihnen zu entkommen.3

Es geht darum, dem Hund beizubringen, dass er mit seinem Verhalten die Umwelt beeinflussen kann und ihm dazu das nötige “Wissen” an die Hand zu geben. Das er durch Kreativität Probleme besser lösen kann. Das er beharrlich bleibt und widerstandsfähig auch in Situationen die frustrierend sind. Das er selbst sein Wohlbefinden beeinflussen kann und vor allem auch darf. Das wir als Hundehalter ihm die Möglichkeit geben, selbstwirksam zu handeln und ihn auch dazu ermutigen und ihn aktiv mit in Trainingsprozesse einbeziehen.

 

Hundherum glücklich zu sein ist von Hund zu Hund unterschiedlich, besonders wenn wir Rasse, Alter und Gesundheitszustand berücksichtigen. Jedoch bleibt für alle Hunde gleich, das die Abwesenheit von Unzufriedenheit die Zufriedenheit an den Tag bringt. Die richtige Kombination aus Ernährung, sensorischen Aktivitäten, Lernen durch Spiele und Spielzeug, Physische Stimulation und Auslastung sowie Problemlöse-Strategien,2 angepasst an den individuellen Hund und im jeweils passenden Maßstab in den Tag integriert, entstresst den Hund und ist der Grundstein für den idealen Hundetag. Dazu geben wir dem Hund die Macht & Kontrolle (Empowerment) über seine Umwelt zurück und schaffen emotionales Wohlbefinden.

Hundherum Hund – Hundherum glücklich!!

 

1) Wikipedia (2017) Zufriedenheit; https://de.wikipedia.org/wiki/Zufriedenheit
2) Garrod (2017) A Dog’s Ideal Day; veröffentlicht in der BARKS from the Guild, Issue No. 27 /   November 2017
3) O’Heare (2011) Empowerment, BehaveTechPublishing, Ottawa Canada

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